2017-12-29

Sylvester, Fest der Heiligen Familie/B: Schmerzen Marias.


Evangelium nur bis zur Weissagung des Simeon (Lk 2, 22 -35) gelesen.

Schwestern und Brüder,
Simeon zerstört das traute Bild der Weihnachtszeit mit seiner Weissagung: Ein Schwert wird durch deine Seele dringen.
Mir scheint das ziemlich verharmlosend - nur ein Schwert.
In Bildern erscheint Maria manchmal mit 7 Schwertern - erinnernd an die 7 Schmerzen Marias.
Und das ist noch alles untertrieben. Man müsste von 100 Schmerzen reden, von einer Unzahl von Enttäuschungen, seelischen Verletzungen und Beleidigungen in ihrem Leben mit Jesus.
Jesus entzieht sich bei der Wallfahrt, er beleidigt sie bei der Hochzeit von Kana. Er macht ihr das Leben mit der Verwandtschaft und den Nachbarn kompliziert. Denn er weist sie zurück. Er führt nicht das Leben, das sie sich als Mutter wohl erwartet hätte: Keine Frau aber viele Freundinnen, keine Enkel natürlich. Er wird nicht anerkannt von den Kreisen, die etwas gelten - auch bei ihr etwas gelten - und oft scheint es ihr, als wäre ihm das auch ziemlich gleichgültig, weil er sich gerade mit solchen abgibt, die nichts gelten. Und vom Sterben Jesus gar nicht zu reden.

Um einen Satz aus einem Lied von Leonard Cohen zu zitieren:
Love is not a victory march - Die Liebe, Das Leben - das ist hier ziemlich austauschbar - ist für sie kein Siegesmarsch, kein Siegeszug.
Das ist zu offensichtlich, auch wenn die Evangelien gelegentlich versuchen, das zu schönen.

Wenn wir heute auf dieses Jahr 2017 zurückschauen: es war kein Siegeszug.
Natürlich gab es wohl für jeden schöne, beglückende Augenblicke und Erfahrungen. Aber auch: zuviel traurige Nachrichten, zuviel Enttäuschungen, zuviel Verletzungen.

Mir kommt es allerdings so vor, als würde Sylvester meist genauso gefeiert, eben als feierte man einen Siegeszug nach einem einjährigen Kampf. Juhu, wir leben noch. Es hat Verletzte, vielleicht auch Tote gegeben - aber wir leben.
Das Jahr als Siegergeschichte gesehen.
Wir Christen können da nicht mitmachen. Wir können die Opfer, die Verwundungen, die Schmerzen nicht vergessen.
Aber wie ist das auszuhalten ohne nur noch traurig zu sein.
Schauen wir nochmal auf Maria. Sie lebt ihr schwieriges Leben in grenzenlosem Vertrauen in die Nähe Gottes. Und sie erfährt diese Nähe auch. Zum Beispiel durch den tröstenden Zuspruch des Simeon im heutigen Evangelium. Sie erfährt diese Nähe durch Freundinnen und Freunde - wie Elisabeth. Sie erfährt diese Nähe am radikalsten durch das leere Grab, durch das Ja Gottes zu ihrem Sohn.
Und so sollten auch wir auf dieses Jahr zurückschauen: Wo haben wir Trost und Segen bekommen und gegeben. Wo haben wir Gemeinschaft erlebt im Namen Gottes. Wo haben wir geliebt und Liebe erfahren. Wo haben wir die Nähe Gottes gespürt. Allem Schrecklichem zum Trotz.
Und genauso sollten wir auch vorausschauen in dieses Neue Jahr.
Und obwohl wir wissen, wieviel Schlimmes geschehen wird, getröstet weiter gehen.
Oder um nochmals Leonard Cohen zu zitieren - aus seinem bekannten Lied „Halleluja“, das inzwischen tausend verschiedene Texte bekommen hat, also aus seinen Texten: love is not a victory march,
aber:
And even though it all went wrong
I'll stand before the lord of song
With nothing on my tongue but hallelujah
frei übersetzt:
Und wenn alles schief geht, und wenn alles zerbricht,
hier stehe ich vor dem Herren, hier stehe ich vor dir, Gott,
und mir kommt nichts mehr über die Lippen als dieses eine Wort: Halleluja,
Gelobt seist du, Gott.

CD - Schluss des Hallelujas von Cohen - abspielen.

2017-12-09

2. Adventsonntag B: Johannes, der destruktive Charakter

Es handelt sich hier um einen Predigtentwurf. Die Predigt wird frei gehalten und kann sehr davon abweichen:
Unsere Zeitrechnung beginnt mit Christi Geburt. Ob das sinnvoll ist, ist eine andere Frage. Denn das Jahr 0 hat ein Mönch höchst fehlerhaft in seiner Zelle errechnet und der theologische Ertrag ist dünn. 
Der Evangelist Lukas jedenfalls möchte eine andere Festlegung. Für ihn beginnt sie im 15. Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius (Lk 3). Die einzige sichere Datierung in den Evangelien im übrigen. Wenn Tiberius im Jahre 14 Kaiser wurde, also für die jetzige Zeitrechnung im Jahre 29. Die christliche Zeitrechnung beginnt im Jahr 29 und also schreiben wir jetzt das Jahr 1988 und nicht 2017. Und die christliche Zeitrechnung beginnt mit dem Auftreten des Johannes. Was natürlich irritiert.
Und doch höchst sinnvoll ist. Denn - um es plakativ zu sagen - es gehört zu jeder Antwort (und das ist für uns das Leben des Jesu Christi) eine Frage (und das ist Johannes, der das erste Testament in der Sehnsucht seiner Person bündelt).
Was Jesus offensichtlich selbst sehr deutlich so empfand. Erst das Auftreten des Johannes ermutigt und ermächtigt ihn zum Beginn der eigenen Mission.
Die Frage, die Johannes mit seinem ganzen Leben stellt, ist die nach dem Messias. Das ist seine Sehnsucht, das ist seine Botschaft - denn der Messias ist nahe und die Menschen sind nicht darauf vorbereitet -, das ist der Antrieb seines Lebens.
Und das trifft auf seinen Charakter, der - wieder etwas pauschal - ein destruktiver Charakter ist. Johannes lebt destruktiv seinem eigenen Leben gegenüber, das er - ohne es direkt zu wollen - ständig aufs Spiel setzt. Denn zweifellos ist seine Kleidung, seine Nahrung, sein Lebensstil nicht gerade gesund. Und zweifellos agiert er Herodes und seiner Familie gegenüber nicht eben besonnen.  
Ich darf weiterhin aus "Der destruktive Charakter" von Walter Benjamin zitieren, der ebendiesen unter anderem so charakterisiert: 
Der destruktive Charakter sieht überall Wege. Wo andere auf Mauern oder Gebirge stoßen, auch da sieht er einen Weg. Weil er aber überall einen Weg sieht, hat er auch überall aus dem Weg zu räumen. .. Der destruktive Charakter kennt nur eine Parole: Platz schaffen; nur eine Tätigkeit: räumen.

Er ist der Feind des Etui-Menschen. Der Etui-Mensch sucht seine Bequemlichkeit, und das Gehäuse ist sein Inbegriff.
Ich erkenne darin nicht nur Johannes wieder sondern natürlich auch Jesaja. Denn wenn der Hügel abtragen und Täler füllen will, so ist das brutal destruktiv und würde heute überaus große Probleme mit dem Bund Naturschutz zur Folge haben :-)
Johannes will Platz schaffen für den Messias, den er herbeisehnt. Er will vermüllte Wege freiräumen auf Gott hin, der uns als Liebe begegnet. Und nein, ein Etui-Mensch ist er ganz bestimmt nicht - da draußen. 
Und wir? Haben wir, weil wir meinen die Antwort - Jesus Christus -  zu kennen, die Frage vergessen?
Haben wir unsere Sehnsucht der Zufriedenheit geopfert?
Haben wir uns in unseren Etuis häuslich eingerichtet?
 
 

2017-08-30

21.Sonntag/A: Definition von Kirche

Die nachkonziliare Leseordnung bietet weit mehr Bibeltexte als die vorkonziliare. Vieles ist in der Zusammenstellung geglückt, wenn auch nicht alles. Meiner Meinung nach gehört zu den weniger geglückten auch die Trennung der Petrusstellen aus dem Matthäus-Evangelium zum heutigen Sonntag (Petrus der Fels) und zum nächsten (Petrus der Satan). Denn erst beide zusammen ergeben eine Einheit. Wobei ich diese Einheit nicht psychologisch interpretieren möchte. Vielmehr meine ich wollte Matthäus mit diesen beiden Stellen eine Kurzdefinition von Kirche geben. Denn Petrus steht hier für Kirche.
Kirche ist 
1. der Ort wo - wie es ja Petrus tut - bekannt wird: Jesus Christus, der Menschensohn, ist Sohn des lebendigen Gottes und Messias.
Das heißt aber auch, dass alles Menschen Schwestern und Brüder dieses Sohn Gottes und Messias sind, womit die Würde jedes Menschen ausgedrückt ist. Unsere Bekenntnis bestätigt dies und verpflichtet uns zur Achtung dieser Würde. Kirche ist auch der Ort der Erscheinung des Messias. Der Messias hat Schalom gebracht. In diesem umfassenden Frieden leben wir und bewegen wir uns, obwohl wir von der Unruhe unserer Herzen und unserer Welt hin und her geworfen werden.
2. der Ort wo Leiden nicht verdrängt wird. Denn genau das wollte Petrus als er nichts vom kommenden Leiden Jesu hören wollte. Kirche bekennt sich zu den Leidenden und steht auf deren Seite.

Also: Wo 1. und 2. gegeben sind ist Kirche undzwar genau dort. Alles andere ist zweitrangig.

2017-08-14

19. Sonntag/A: Tehom und Vertrauen

Evangelien sind keine leichte Kost. 
Zuviel verschiedenes: Worte Jesu, verändert, zusammengefasst... - Berichte (Beispiel: Jesus heilt die Schwiegermutter des Petrus): so war es ... - und dann sowas wie das heutige Evangelium: Jesus geht auf Wasser.
So war es aber nicht. 
Denn Gottes Sohn wollte Mensch sein ohne wenn und aber. Die Schöpfungsordnung zu durchbrechen wäre für ihn eine Versuchung des Satans gewesen. 
Das ist kein Tatsachen-Bericht - das ist eine bilderreiche Erzählung um zu zeigen, was Menschen mit dem Auferstandenen erfahren haben: dass er über alle Wasser zu dir kommt; dass du ihm vertrauen kannst; dass er dich nicht im Stich lässt. Versuche über das zu reden, über das so schwer zu reden ist.
Betrachten wir diese bilderreiche Erzählung genauer - drei Beobachtungen sind mir wichtig geworden:
1. Unruhiges Wasser - Sturm - Nacht: ich denke, das ist ein Bild für das "Tehom", das "wässrige Chaos", von dem der Beginn der Schöpfungsgeschichte erzählt. "Urflut" ist schlecht übersetzt, denn es geht nicht um etwas, das vor Urzeiten war, es geht um das jetzige Chaos. Das Chaos des Universums, das unseren Blauen Planeten in einer Sekunde verschlingen könnte. Das Chaos auf unserer Erde voller Hass, Krieg und Katastrophen. Das ist Gegenwart. Und jeden Tag neu ist der Schöpfergott da und setzt dem Chaos Grenzen. Was für eine tröstliche Botschaft. Damit wir leben können. Christus beruhigt den Seesturm, das Tehom der Jünger - in diesem Augenblick wissen sie, dass er Gottes Sohn sein muss.
2. Wo ist der Platz der Jünger: NICHT AM UFER. Jesus fordert sie, fordert uns auf hinauszufahren. Hinzugehen, hinzuschauen, zu retten, zu heilen. Und uns nicht auf unsere private Insel zurückzuziehen. 
3. Die Jammerer, die das "Boot der Kirche" ständig schon am untergehen sehen, bekommen ein Wort Jesu zu hören: ihr Kleingläubigen.

Was für eine hoffnungsvolle Botschaft dieses Evangelium. Ich hönre den Schöpfergott sprechen: Es ist gut.

2017-07-10

14. Sonntag i. J.: Christentum für Unfertige

Den Unmündigen offenbart!
Sind wir Christen also doch dumm. Nein, denn unmündig ist nicht dumm.
Unmündig heißt nur: dir hört niemand zu.
So ging es zur Zeit Jesu den Frauen, den Randgruppen, den Kindern.
Und Jesus gibt ihnen Perspektive - die Botschaft vom Reich Gottes -  und sieht Ihre Würde.
Aber unmündig kann man auch anders übersetzen: mit unfertig.
Schriftgelehrte waren nicht unmündig. Wenn sie Jesus folgten, dann weil sie ahnten: Wir sind noch nicht fertig mit unserer Sehnsucht. Und auch sie finden mit Jesus neue Perspektiven für ihren Glauben.
Die Unfertigen und Unmündigen scharen sich um Jesus.
Heute auch!
Die Unmündigen, die nicht gehört werden: Heute beispielsweise Menschen in Ländern der sogenannten 3. Welt.
Die Unfertigen: das kann jeder von uns sein, wenn er es nur sieht:
Unfertig, voller Zweifel, sehnsuchtsvoll, Freundschaft und Liebe suchend, auf dem Weg, tastend, gehend, verloren.
Wir haben einen Papst, der weiß und sagt, dass die Kirche aus genau solchen Unmündigen und Unfertigen besteht und dass sie für sie auch da ist.
Die Kirche als Feldlazarett für die Verletzten.
Mitten im pilgernden Volk Gottes.
Zweifel, Kritik, Fragen gehören dazu so wie Sehnsucht und Hoffnung.
Es gibt die Meinung, Papst Franziskus sei also ein schwacher Papst und Theologe.
Aber genau deshalb ist er ein starker Papst und Theologe: Weil er die Botschaft des 2. Vatikanischen Konzils vom pilgernden Volk Gottes lebt und von der Solidarität in diesem Volk als Prinzip von Kirche.
Schwache Theologen  - manchmal gehören Kardinäle dazu  - sind solche, die vor Verletzungen, vor Kritik, vor Zweifel Angst haben; die nur Ja und Nein kennen; die Grauzonen nicht aushalten.
Ich möchte mit einem Loblied enden:
Ein Loblied auf alle Zweifelnden,
auf alle Suchenden,
auf alle von Sehnsucht erfüllten,
auf alle, die versuchen zu lieben,
auf alle Unmündigen und Unfertigen,
denn sie sind offen für das Wort Gottes.


2017-06-16

11.Sonntag im Jahreskreis/A: über das Scheitern

Im heutigen Evangelium geht es um den Kern der Sendung Jesu. Er ist, so sieht er sich selbst, zu seinem Volk Israel, zu seinen jüdischen Glaubensbrüdern gesandt, um ihnen die Botschaft von der Nähe des Reiches Gottes zu verkünden. Immer war Jesus offen für Andersdenkende und Andersgläubige, aber ohne dieses Ziel aus den Augen zu verlieren.
Nun zeigt das heutige Evangelium zunächst deutlich das Wesen christicher Verkündigung, die nichts weniger als das Wesen des Christentums ist: Menschen geben anderen Menschen Zeugnis. Wankelmütige, fragwürdige, fragende, zweifelnde Menschen erzählen von ihren Erfahrungen mit eine anderen, mit Jesus. Jesus gibt ihnen keine philosophisch überzeugende, in sich geschlossene Lehre und erst recht kein Weisheitsbüchlein mit auf den Weg.
Jesus verwendet in dieser Bibelstelle aber auch eine Methode um an sein Ziel zu kommen: Er bildet einen 12-er Kreis. Jeder Jude soll verstehen, es geht ihm ums ganze Volk. Es geht ihm um alle 12 Stämme Israels. Er bildet diesen Kreis aus 12 Männern um keinen Anstoß zu erregen: denn eine Frau im Zwölferkreis würde die irritierende Frage aufwerfen: Welcher Stamm Israels lässt sich von einer Frau repräsentieren.
Jesus hat im heutigen Evangelium sein Ziel definiert und er verwendet eine Methode um zum Erfolg zu kommen.
Tatsächlich scheitert Jesus aber am Ziel und genauso scheitert die Methode.
Denn die Juden werden nicht als Volk bekehrt. Im Gegenteil bekommen Jesus-feindliche Kreise Übermacht.
Genauso scheitert der Zwölferkreis. Paulus wird 10 Jahre nach dem Tod Jesu Jerusalem besuchen und nichts mehr von einem Zwölferkreis, erst recht von keinem Zwölferleitungskreis erfahren. Leitend sind die drei Säulen Jakobus, Johannes und Simon, vor allem aber Simon. Der Zwölferkreis scheitert so massiv, dass es in der ganzen Kirchengeschichte keinen Versuch mehr gab, einen solchen als Leitungskreis zu installieren.
Aber ist das Scheitern an einem Ziel und mit einer Methode das Scheitern des Christentums?
Wir wissen: Das Gegenteil ist der Fall:
Aus der Mission der Juden wird die Mission der Menschheit.
Und der Kreis der 12 Apostel erweitert sich zu einem größeren Kreis von Gesandten. Jetzt gehören auch Menschen dazu, die Jesus nicht gekannt haben wie Paulus. Jetzt gehören auch Frauen dazu wie Junias und die Apostolin der Apostel Maria von Magdala. Nach unserer Tradition entstehen aus dem Kreis der Apostel die Leitungsämter der Kirche und an dieser Stelle muss man fragen, warum die Öffnung für Frauen wieder rückgängig gemacht wurde.
Jesus ist grundlegend gescheitert. Aber aus dem Scheitern wuchs Neues.
Scheitern ist nicht Versagen, nichts Schlechtes oder gar Böses.
Scheitern ist fundamental christlich.
Das sage ich allen Eltern, die fast verzweifeln, weil ihre Kinder keine Kirche mehr besuchen, von der Kirche sogar ausgetreten sind: Ihr meint, ihr seid mit euerer Erziehung gescheitert. Seid geduldig.
Das sage ich allen Priestern und Diakonen, die fast verzweifeln, weil eine nach der anderen Aktion nicht den erwünschten Erfolg bringt. Seid geduldig.
Franz Kafka schreibt einmal: "Vielleicht gibt es nur eine einzige Sünde: die Ungeduld."
Es wird neues aufbrechen, wann und wo auch immer.