2017-06-16

11.Sonntag im Jahreskreis/A: über das Scheitern

Im heutigen Evangelium geht es um den Kern der Sendung Jesu. Er ist, so sieht er sich selbst, zu seinem Volk Israel, zu seinen jüdischen Glaubensbrüdern gesandt, um ihnen die Botschaft von der Nähe des Reiches Gottes zu verkünden. Immer war Jesus offen für Andersdenkende und Andersgläubige, aber ohne dieses Ziel aus den Augen zu verlieren.
Nun zeigt das heutige Evangelium zunächst deutlich das Wesen christicher Verkündigung, die nichts weniger als das Wesen des Christentums ist: Menschen geben anderen Menschen Zeugnis. Wankelmütige, fragwürdige, fragende, zweifelnde Menschen erzählen von ihren Erfahrungen mit eine anderen, mit Jesus. Jesus gibt ihnen keine philosophisch überzeugende, in sich geschlossene Lehre und erst recht kein Weisheitsbüchlein mit auf den Weg.
Jesus verwendet in dieser Bibelstelle aber auch eine Methode um an sein Ziel zu kommen: Er bildet einen 12-er Kreis. Jeder Jude soll verstehen, es geht ihm ums ganze Volk. Es geht ihm um alle 12 Stämme Israels. Er bildet diesen Kreis aus 12 Männern um keinen Anstoß zu erregen: denn eine Frau im Zwölferkreis würde die irritierende Frage aufwerfen: Welcher Stamm Israels lässt sich von einer Frau repräsentieren.
Jesus hat im heutigen Evangelium sein Ziel definiert und er verwendet eine Methode um zum Erfolg zu kommen.
Tatsächlich scheitert Jesus aber am Ziel und genauso scheitert die Methode.
Denn die Juden werden nicht als Volk bekehrt. Im Gegenteil bekommen Jesus-feindliche Kreise Übermacht.
Genauso scheitert der Zwölferkreis. Paulus wird 10 Jahre nach dem Tod Jesu Jerusalem besuchen und nichts mehr von einem Zwölferkreis, erst recht von keinem Zwölferleitungskreis erfahren. Leitend sind die drei Säulen Jakobus, Johannes und Simon, vor allem aber Simon. Der Zwölferkreis scheitert so massiv, dass es in der ganzen Kirchengeschichte keinen Versuch mehr gab, einen solchen als Leitungskreis zu installieren.
Aber ist das Scheitern an einem Ziel und mit einer Methode das Scheitern des Christentums?
Wir wissen: Das Gegenteil ist der Fall:
Aus der Mission der Juden wird die Mission der Menschheit.
Und der Kreis der 12 Apostel erweitert sich zu einem größeren Kreis von Gesandten. Jetzt gehören auch Menschen dazu, die Jesus nicht gekannt haben wie Paulus. Jetzt gehören auch Frauen dazu wie Junias und die Apostolin der Apostel Maria von Magdala. Nach unserer Tradition entstehen aus dem Kreis der Apostel die Leitungsämter der Kirche und an dieser Stelle muss man fragen, warum die Öffnung für Frauen wieder rückgängig gemacht wurde.
Jesus ist grundlegend gescheitert. Aber aus dem Scheitern wuchs Neues.
Scheitern ist nicht Versagen, nichts Schlechtes oder gar Böses.
Scheitern ist fundamental christlich.
Das sage ich allen Eltern, die fast verzweifeln, weil ihre Kinder keine Kirche mehr besuchen, von der Kirche sogar ausgetreten sind: Ihr meint, ihr seid mit euerer Erziehung gescheitert. Seid geduldig.
Das sage ich allen Priestern und Diakonen, die fast verzweifeln, weil eine nach der anderen Aktion nicht den erwünschten Erfolg bringt. Seid geduldig.
Franz Kafka schreibt einmal: "Vielleicht gibt es nur eine einzige Sünde: die Ungeduld."
Es wird neues aufbrechen, wann und wo auch immer.

  

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