2018-09-03

Schmutzige Hände

Die Jünger Jesu haben sich die Hände schmutzig gemacht. 

Für die Kirche heute hat das eine doppelte Bedeutung: eine katastrophale und eine zukunftsweisende.

1. Eine katastrophale: denn Mißbrauch in den verschiedensten Formen hat Hände schmutzig gemacht. Es geht nicht um Einzelfälle. Es geht um Häufungen, um systematische Vertuschungen usw. 
Einen, vielleicht den entscheidenden Grund dafür nennt Papst Franziskus: "Klerikalismus". Ich möchte das verdeutlichen mit einem Zitat aus dem alten "Katechismus Romanus": Es sei "nicht unbillig.., dasss die Bischöfe und Priester nicht allein Engel, sondern auch Götter genannt werden; weil sie die Kraft und die Herrlichkeit des unsterblichen Gottes an sich tragen."
Dieses Denken prägte seit dem Tridentinum leider bis heute viele. Es ist katastrophal, denn es schützt vor Hinschauen, es ermutigt Überdecken und Vertuschen. 
Eigentlich ist klerikalistisches Denken seit dem II. Vatikanischen Konzil mit dem klaren Bekenntnis zur gleichen Würde aller im Gottesvolk - das in der Taufe bezeugt wird: du bist Priester, König und Prophet - obsolet. Aber ist es das wirklich?

2. Zu einer zukunftsweisende Form sich die Hände schmutzig zu machen lädt Papst Franziskus ein: zu den Menschen zu gehen, besonders zu denen, die für die Etablierten im Finstern stehen, in Liebe hinschauen und nicht mit einer Gesetzestafel in der Hand. Lieber tausendmal beschimpft zu werden als einen Menschen zu verlieren. 
In der Nachfolge Jesu der einzige Weg.

2018-03-30

Fußwaschung - Petrus: der blinde Patriarch

Predigt zum Gründonnerstag in Stichworten:

1.Zweifellos emotional erzählt im heutigen Evangelium: Petrus, der sich zunächst auf keinen Fall von Jesus die Füße waschen lassen will; dann aber am liebsten gleich alles. - Petrus ein eifriger, "brennender", engagierter Jünger Jesu.

2. Aber leider einer, der Jesus hier nicht versteht. Petrus schaut mit dem Blick eines patriachal denkenden Mannes auf die Fußwaschung: Dann ist sie eine Tätigkeit für Frauen und Dienern; nicht aber für "Männer".

3. Petrus ist daher blind für die Funktionen der Fußwaschung. Drei möchte ich hier nennen:

3.1. Ein Mensch kniet oder bückt sich vor einem anderen: er zeigt damit: ich lasse dich groß sein; ich sage ja zu deiner Bedeutung und Würde.
3.2. Ein Mensch vermittelt Zärtlichkeit. Jesus hat das selbst erleben dürfen. Beispielsweise, als ihm die "Sünderin" mit ihren Tränen die Füße gewaschen hat. Die Füße sind sensibel; haben mehr Nervenzellen als das Gesicht; sind offen für Zärtlichkeit.
3.3. Ein Mensch bereitet Gemeinschaft vor: denn sich zu Tisch (oder ins Bett) legen mit staubigen, verschwitzten Füßen ist für die anderen nicht angenehm.


4. Petrus mißversteht Jesus auch, als dieser sagt: dann hast du keinen Anteil an mir.
Denn er interpretiert "Anteil" personenbezogen, so als könnte er sich Jesus anverleiben.
Aber Jesus meint Anteil an seiner Sendung. Seine Sendung ist im Zeichen der Fußwaschung ja offenbart: zärtliche Hinwendung zum Menschen; seine Würde achten und Gemeinschaft suchen.

5. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Nachfolger Petrus im Petrusamt entscheindendes dazugelernt haben in Sachen Fußwaschung - wohl aber Papst Franziskus:
- er verabschiedet sich von der Männerbezogenheit. Sehr berechtigt, denn wenn der 12-er Männerkreis einen Sinn hatte, dann als Sinnbild für die 12 Stämme Israels. Dieser Bezug war schon im frühen Christentum aufgehoben.
-  er wäscht auch Nichtchristen die Füße, denn tatsächlich hat jeder im Volk Gottes, also in der Menschheit, dieselbe Würde.
- er zeigt: Auch die, deren Würde angetastet wird - im Gefängnis; als Flüchtlinge; als Behinderte - haben für uns niemals Würde verloren und: sie gehören zur Gemeinschaft.

2018-03-14

4. Fastensonntag/B/2018: Johannesevangelium=Frauenevangelium?!? Fehlt mir Gott?

Donnerstag war Weltfrauentag - und tatsächlich stellt die Leseordnung seit letzten Sonntag von Markus (dem Evangelist des Lesejahres B) auf das "frauenfreundliche" Johannesevangelium um. 
Kleiner Scherz - aber tatsächlich kann das Johannesevangelium als "Frauen-Evangelium" gelten: ein Evangelium von Frauen für Frauen (und Männer) - so einfühlsam und zahlreich werden hier Begegnungen Jesu mit Frauen geschildert.
Heute aber ein Gespräch mit einem Mann - Nikodemus - nichts für Frauen???

Nikodemus: ein Mann - ein namhafter Mann - ein Gebildeter -  ein Frommer - ein auch moralisch Unangreifbarer!

Vergleichen wir mit einer Frau - ein paar Verse weiter im Johannesevangelium: 

die Frau am Jakobsbrunnen: eine Frau - namenlos, anonym - eine Ungebildete (wie sonst) - keine Fromme (sondern Samariterin) - eine moralisch Angreifbare (5 Männer und der jetzige ist nicht ihr Mann)!

Beide  werden von Jesus mit derselben Frage konfrontiert: Glaubst du, dass sich in mir Gottes Nähe zu den Menschen auf ganz neue Weise gezeigt und verwirklicht hat - dass ich der Messias bin? Übrigens schön zu sehen, wie sehr Jesus dialogisch auf die Welt der höchst unterschiedlichen Personen eingeht: bei der Frau knüpft er an das Brunnenwasser an, das sie gerade holt; bei Nikodemus an seine Bibelkenntnisse.

Und das Ergebnis: die Frau kann sich vorstellen, dass Jesus der Messias ist und erzählt es eilig weiter; der Mann kann es sich nicht vorstellen.

Aber warum nicht?
Weil diesem Mann - Nikodemus - nichts fehlt: 
Alles stimmt bei ihm; alles ist reflektiert; er meint Gott durch und durch zu kennen; er betet zu ihm, er erwartet ihn irgendwann; er weiß, was Gott von ihm und den Frommen will; er kennt die Gebote und hält sich daran. Er ist korrekt. Ihm fehlt nichts - am allerwenigsten fehlt ihm Gott. 
Den allzu Frommen fehlt Gott nicht. Jede Sehnsucht ist ihnen ausgetrieben. 
Die Frau hat Sehnsucht nicht verlernt.

Fehlt mir Gott? 

2018-01-22

3. Sonntag/B: Menschenfischer nicht Menschenfänger

Menschenfischer - welch schrecklich verkehrte Bilder werden daraus gemacht: Fotos von Erstkommunionkinder in einem Netz - Gottesdienstvorlagen, bei denen ein Netz über Kinder geworfen wird.

Die Botschaft: Kinder, ihr werdet gefangen, später geschlachtet, ausgenommen und in Tomatensoße eingelegt. 
Jesus redet aber nicht von Menschenfängern, sondern von Menschenfischern.
Was könnte er gemeint haben?
Ich stelle mir zunächst die Frage: Von wem und wie ist Jesus selbst geprägt?
Er ist unter anderem geprägt von seinem Vater, vom Beruf des Architekten und Zimmerers. Er denkt wie ein Architekt und ein Zimmerer.
Aber er ist offen: er schaut den Bauern genau zu und noch genauer den Fischern. Er lernt.
Der Gegensatz "Architekt/Zimmerer" zu "Fischer" zeigt deutlich, was Jesus mit dem Begriff Menschenfischer sagen will. Drei Beispiele:
1. Der Architekt/Zimmerer geht auf Nummer sicher. Die Balken werden eher zu stark als zu schwach gewählt.
... Der Fischer geht immer ein - wenn auch minimierbares - Risiko ein, wenn er auf den See fährt. Er braucht immer ein wenig Mut. Denn Wasser hat keine Balken und Schiffe können untergehen.
Menschenfischer: Mutig sein, Risiken eingehen: Meinungen gegen den Trend vertreten; den eigenen Weg gehen.
2. Der Architekt/Zimmerer plant und baut dann - wohlkalkuliert.
... das kann ein Fischer nicht, statt dessen braucht er eine andere Gabe, um erfolgreich zu fischen: Unter die Oberfläche schauen, nachdenken und nachfühlen was die Fische bewegt (bei Kälte/Wärme/Tag/Nacht/Nahrungssuche..); selbst "Fisch werden".
Menschenfischer: unter die bewegte Oberfläche schauen; mitfühlen, mitdenken, die Zeichen der Zeit erkennen.
3. Der Architekt/Zimmerer ist relativ ortsfest, denn er bleibt bei seinem Bauplatz, bis er mit der Arbeit fertig ist.
... der Fischer kann nicht am Ufer bleiben und hoffen, dass die Fische kommen. Er muss ihnen nachfahren.
Menschenfischer: versteht sich von selbst.

Menschenfischer sollen wir sein, keine Menschenfänger.