Unsere Zeitrechnung beginnt mit Christi Geburt. Ob das sinnvoll ist, ist eine andere Frage. Denn das Jahr 0 hat ein Mönch höchst fehlerhaft in seiner Zelle errechnet und der theologische Ertrag ist dünn.
Der Evangelist Lukas jedenfalls möchte eine andere Festlegung. Für ihn beginnt sie im 15. Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius (Lk 3). Die einzige sichere Datierung in den Evangelien im übrigen. Wenn Tiberius im Jahre 14 Kaiser wurde, also für die jetzige Zeitrechnung im Jahre 29. Die christliche Zeitrechnung beginnt im Jahr 29 und also schreiben wir jetzt das Jahr 1988 und nicht 2017. Und die christliche Zeitrechnung beginnt mit dem Auftreten des Johannes. Was natürlich irritiert.
Und doch höchst sinnvoll ist. Denn - um es plakativ zu sagen - es gehört zu jeder Antwort (und das ist für uns das Leben des Jesu Christi) eine Frage (und das ist Johannes, der das erste Testament in der Sehnsucht seiner Person bündelt).
Was Jesus offensichtlich selbst sehr deutlich so empfand. Erst das Auftreten des Johannes ermutigt und ermächtigt ihn zum Beginn der eigenen Mission.
Die Frage, die Johannes mit seinem ganzen Leben stellt, ist die nach dem Messias. Das ist seine Sehnsucht, das ist seine Botschaft - denn der Messias ist nahe und die Menschen sind nicht darauf vorbereitet -, das ist der Antrieb seines Lebens.
Und das trifft auf seinen Charakter, der - wieder etwas pauschal - ein destruktiver Charakter ist. Johannes lebt destruktiv seinem eigenen Leben gegenüber, das er - ohne es direkt zu wollen - ständig aufs Spiel setzt. Denn zweifellos ist seine Kleidung, seine Nahrung, sein Lebensstil nicht gerade gesund. Und zweifellos agiert er Herodes und seiner Familie gegenüber nicht eben besonnen.
Ich darf weiterhin aus "Der destruktive Charakter" von Walter Benjamin zitieren, der ebendiesen unter anderem so charakterisiert:
Der destruktive Charakter sieht überall Wege. Wo andere auf Mauern oder Gebirge stoßen, auch da sieht er einen Weg. Weil er aber überall einen Weg sieht, hat er auch überall aus dem Weg zu räumen. .. Der destruktive Charakter kennt nur eine Parole: Platz schaffen; nur eine Tätigkeit: räumen.
Er ist der Feind des Etui-Menschen. Der Etui-Mensch sucht seine Bequemlichkeit, und das Gehäuse ist sein Inbegriff.
Ich erkenne darin nicht nur Johannes wieder sondern natürlich auch Jesaja. Denn wenn der Hügel abtragen und Täler füllen will, so ist das brutal destruktiv und würde heute überaus große Probleme mit dem Bund Naturschutz zur Folge haben :-)
Johannes will Platz schaffen für den Messias, den er herbeisehnt. Er will vermüllte Wege freiräumen auf Gott hin, der uns als Liebe begegnet. Und nein, ein Etui-Mensch ist er ganz bestimmt nicht - da draußen.
Und wir? Haben wir, weil wir meinen die Antwort - Jesus Christus - zu kennen, die Frage vergessen?
Haben wir unsere Sehnsucht der Zufriedenheit geopfert?
Haben wir uns in unseren Etuis häuslich eingerichtet?
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