Bitten
Karl hat zur selben Zeit in Würzburg studiert wie ich. Lange her. Die Pleich war damals ein kaputter Stadtteil und kein Vorzeigeviertel wie heute. Wir wohnten in einer Dreier-WG. Karl
allein.
Karl war ein Meister im Bitten. Beispiele: Er stand mit einem Inder, den er gerade kennen gelernt hatte, an der Tür: Der will eine Woche in Würzburg bleiben. Nehmt ihn bitte auf;
bei mir geht es gerade nicht.
Oder: Karl muss nach Nürnberg, morgen. „Bitte fahrt mich hin.“ Kein Problem, Karl, wird gemacht.
Genauso wie er bitten konnte, ließ er sich aber nicht lange bitten: Er war immer da, wenn er gebraucht wurde. Er fühlte mit, arbeitete mit, lieh, gab, war für dich da.
Anfangs versperrte er seine Zimmertür nicht. Wir könnten ja etwas brauchen und er war nicht da. Dann sollten wir es holen können. Der Haken bei der Sache: Die Tür ging
direkt zur Straße auf - heute wohl unvorstellbar - und eine Kneipe war daneben. Da hat irgendein Besoffener mal ein WC gesucht.... Der Teppich war im Eimer und die Zimmertür von Karl blieb ab da zu.
Die Botschaft von Karl war:
Ich brauche dich und: ich bin für dich da, wenn du mich brauchst. Ich lass mich „brauchen“.
Wem brauchen zu prosaisch ist..auch Verliebte „brauchen“ sich - um sich aneinander zu freuen, um neue Welten zu entdecken und neue Wege zu gehen.
Ich brauche dich und: ich bin für dich da, wenn du mich brauchst. Ich lass mich „brauchen“.
Das ist eine christliche Kernbotschaft.
Denn keiner kann allein gerettet werden, keiner steht allein vor Gott.
„Gott hat es gefallen, die Menschen nicht einzeln, unabhängig von aller wechselseitigen Verbindung, zu heiligen und zu retten, sondern sie zu einem Volke zu machen.“
schreibt das Konzil in Lumen Gentium, der Kirchenkonstitution.
Wenn ich zurück schaue auf die letzten Jahrzehnte und mir die Frage stelle: hat sich das Wissen einander zu brauchen verstärkt - dann fällt meine Antwort leider negativ aus.
Wir bitten weniger - das Smartphone allein hilft fast immer.
Jeder Verein, jede Kirchengemeinde klagt: wer ist da, um Kinder zu trainieren, wer ist da als Kassier oder Vorstand, wer ist da, die Pfarrbriefe auszutragen. Weniger, immer weniger.
Wenn ich manchen Neubau anschaue, trägt er eine klare Botschaft: Ich brauche niemand auf meiner Insel mit einem Zaun, schwerer als das ganze Haus - und ich will auch nicht, wenn mich
jemand braucht.
Es ist ein Virus: ich brauche niemanden.
Donald Trump - der Präsidentschaftskandidat der Republikaner - schreit: Schluß mit Globalization - wir machen Americanization - wir brauchen den Rest der Welt nicht.
England beschließt: Wir brauchen die EU nicht.
Die EU meint: Wir brauchen Zäune, denn wir brauchen keine Asylanten.
Gut: Dumm, darf man nicht sein. Das Beispiel „Karl“ zeigt, dass offene Türen keine Lösung sind.
Aber die Tür zu öffnen, wenn einer dich braucht, das ist unsere Pflicht.
Stoppen wir den Virus.
Bitten wir - ganz bewusst.
Lassen wir uns brauchen.
Wenn wir das nicht mehr können, wie können wir dann zu Gott sagen:
Ich brauche dich. Ich bin da, wenn du mich brauchst.
Wie können wir an einen Gott glauben, der sagt:
Ich brauche dich. Ich bin da, wenn du mich brauchst.
Ich brauche dich. Ich bin da, wenn du mich brauchst.
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